Artikel „Auf den Zahn gefühlt“ in Deutschlands größter Jagdzeitschrift „Pirsch“, Ausgabe 9/2018

Liebe Patientenbesitzer,

einige von Ihnen haben mich auf den Artikel „Auf den Zahn gefühlt“ in Deutschlands größter Jagdzeitschrift „Pirsch“, Ausgabe 9/2018 aufmerksam gemacht (www.jagderleben.de/pirsch/ausgabe-092018).

So sehr ich mich anfangs gefreut habe, dass mein Herzensthema Zahngesundheit Eingang in diese weit verbreitete Fachzeitschrift gefunden hat, so sehr sehe ich mich nach der Lektüre des Artikels verpflichtet, einige der leider fachlich falschen Ausführungen im Artikel richtig zu stellen.

1. Narkose
Die für alle Tierärzte geltende „Leitlinie Anästhesiologische Versorgung bei Hund und Katze“, herausgegeben durch die Fachgruppe Veterinärmedizinische Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie (VAINS) der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft, gibt die MINIMALforderungen für eine Allgemeinnarkose beim Hund vor: Venenkatheter, Infusion, Intubation (Einlegen eines Atemschlauchs in die Luftröhre) zum Schutz der Atemwege vor Einatmung von Zahnsteinpartikeln bzw. des Sprühnebels, der bei der Ultraschallzahnreinigung entsteht, und optimaler Weise Inhalationsnarkose mit Sauerstoffzufuhr sowie Patientenüberwachung durch geeignetes Monitoring (Puls, Atmung, Blutdruck, Temperaturmessung). Auf den Abbildungen im Artikel ist erkennbar, dass der Patient nicht intubiert ist: dies entspricht nicht den Anforderungen an eine fachlich korrekt durchgeführte Narkose für eine Zahnbehandlung.

2. Befunderhebung
Wie im Artikel richtig erwähnt, ist der Haupterkrankungsort der Zahnhalteapparat. Die Strukturen befinden sich jedoch größtenteils unter dem Zahnfleischrand und sind somit mit bloßen Auge meist nicht erfassbar. Wie bei einem Eisberg sehen wir nur die Spitze bzw. Zahnkrone, und der Wurzelbereich ist unter dem Zahnfleischrand im Kiefer verborgen. Soll im Rahmen einer Zahnreinigung das gesamte Ausmaß der Erkrankung festgestellt werden, so müssen Veränderungen durch die vollständige Röntgenuntersuchung des Gebisses per Dentalröntgen abgeklärt werden. Ohne Röntgenuntersuchung bleiben im Schnitt 60 Prozent der Erkrankungen der Maulhöhle verborgen und damit unbehandelt. Eine ziemlich schlechte Erfolgsquote, wie ich meine: außen wieder hui, und innen immernoch pfui.

3. Zahnbehandlung
Der wichtigste Teil der professionellen Zahnreinigung ist der Bereich unter dem Zahnfleischrand, der zum Teil mit dem Ultraschallzahnsteinentfernungsgerät nicht erfasst werden kann und gezielt mit speziellen Handinstrumenten angegangen werden muss. Ebenfalls ist nach dem aktuellen Stand der tiermedizinischen Wissenschaft nur mit entsprechender vorheriger Röntgenuntersuchung eine Zahnextraktion fachlich richtig. Eine Ausnahme kann im EINZELFALL lediglich EIN stark gelockerter einwurzeliger Zahn sein, während bei mehreren gelockerten einwurzeligen Zähnen und mehrwurzeligen Zähnen (Backenzähnen) und Fangzähnen das Dentalröntgen eine absolute Notwendigkeit darstellt. Mehrwurzelige Zähne sind in fast allen Fällen mit chirurgischen Extraktionsverfahren zu entfernen, ähnlich wie Weißheitszähne beim Menschen.

4. Sie bekommen genau das, was Sie bezahlen
Bei Beachtung der fachlichen Minimalanforderungen an Narkose und professionelle Zahnreinigung einschließlich Untersuchung der gesamten Maulhöhle und Dokumentation der Befunde, Einlegen eines Venenkathers, Infusion, Injektionsnarkose bzw Inhalationsnarkose, Narkoseüberwachung (Monitoring), Zahnreinigung mittels Ultraschall, Dentalröntgen und Politur unter Anwendung des einfachen Satzes der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) liegen die Kosten zwischen 250 und 400 €, je nach Größe des Hundes und Schwergrad der Erkrankung. Zahnextraktionen sind separate zusätzliche Leistungen, die als Gebührenordnungspunkt hinzukämen. Die Abrechnung tierärztlicher Leistungen nach der GOT ist für alle Tierärzte verpflichtend. Berechnet Ihnen Ihr Tierarzt weniger, müssen Sie davon ausgehen, dass wichtige Bestandteile einer fachlich korrekten Untersuchung und Behandlung im wahrsten Sinne des Wortes bei Ihrem Tier eingespart wurden.

5. Kleinigkeiten, die aber doch wichtig sind
Die Haupterkrankung des Hundes ist die Parodontitis und nicht, wie im Artikel behauptet, die Parodontose. Der Hund leidet im Gegensatz zum Menschen nahezu immer unter einer entzündlichen Erkrankung des Zahnhalteapparats, der Parodontitis. Die Parodontose ist eine nicht-entzündliche Erkrankung bzw. eine Zustandsveränderung, wie beispielsweise eine Degeneration. Es handelt sich also um zwei völlig verschiedene Krankheitsbilder.

6. Warum ich mit Knochen viel Geld verdiene
Knochen eignen sich nicht zur Zahnpflege bei Hunden, da die meisten Hunde tatsächlich versuchen, den Knochen zu zerbeißen – hierbei kommt es häufig zu Absplitterungen und Frakturen an den Zähnen, ganz besonders am Reisszahn im Oberkiefer. Als Folge muss dieser häufig gezogen werden. Besser geeignet sind nicht zu harte Kauartikel, die die Selbstreinigung des Gebisses anregen (sprich den Speichelfluss) und nicht durch ihre Beschaffenheit die Zähne gefährden. Es gilt die Regel: was bei Druck mit dem Daumen nicht wenigstens ein bisschen nachgibt, ist zu hart um als Kauartikel geeignet zu sein.

Wenn Sie einen auf Zahnheilkunde spezialisierten Tierarzt suchen, wählen Sie jemanden mit durch staatlich geregelte Ausbildung und Prüfung erworbenen Spezialistentitel: Fachtierarzt für Zahnheilkunde oder Zusatzbezeichnung Zahnheilkunde. Eine Suchmaschine hierzu finden Sie für Bayern auf der Homepage der Tierärztekammer: www.bltk.info/tieraerztesuchdienst

Auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Tierzahnheilkunde finden Sie darüber hinaus auch Tierärzte ohne Spezialistentitel, aber mit besonderem Interesse an der Tierzahnheilkunde, die sich regelmäßig auf diesem Gebiet fortbilden und sich auch verpflichten, nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu untersuchen und zu behandeln:
www.tierzahnaerzte.de

 

Diesem Text liegt die Stellungnahme der Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Tierzahnheilkunde, Dr. Martina van Suntum, zum o.g. Artikel zugrunde.